Seit 1991 greift die Internationale Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» dieses latent vorhandene Problem jeweils zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember auf, seit 2008 auch alljährlich in der Schweiz. Die Kampagne erinnert uns alle daran, nicht wegzuschauen, Gewalt an Frauen nicht zu akzeptieren oder als Privatangelegenheit abzutun. Im Corona-Jahr 2021 liegt der Fokus auf Frauen, die in
der Mutterschaft Gewalt erleben.

Mutterschaft ist vielfältig, Mütter sind verschiedentlich von Gewalt betroffen: während der Schwangerschaft, unter der Geburt, bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mit dem Leisten von unbezahlter Care-Arbeit, als alleinerziehende Mutter (Armutsrisiko). Stereotype Vorstellungen von Mutterschaft wirken einengend, nicht jede Frau möchte oder kann Mutter werden…

In vielen Kulturen der Welt gibt es fürsorgliche Bräuche für die werdende Mutter und das werdende Kind. Unsere Vorstellung von Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Neugeborenen ist davon geprägt, dass Frauen in dieser Lebensphase mit besonderer Beachtung, Behutsamkeit und Respekt begegnet wird. Für viele von
uns ist es undenkbar, dass Frauen in dieser Zeit einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Opfer psychischer, körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt zu werden.

Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Neugeborenen sind vulnerable Lebensabschnitte, welche eine Lebenskrise auslösen können und einen Wendepunkt in der Paarbeziehung darstellen. Diese existenziellen Umwälzungen und die damit einhergehenden Belastungen begünstigen den erstmaligen Ausbruch von Partnerschaftsgewalt. Die Paarbeziehung kann aber auch schon seit längerer Zeit von Gewalt geprägt sein und/oder die Schwangerschaft selber kann eine Folge von
sexualisierter Gewalt sein.

Häusliche Gewalt wirkt sich auf die schwangere Frau und das werdende Kind sowohl direkt (Verletzungen, Fehlgeburten) als auch indirekt (Einfluss auf das Gesundheits- und Vorsorgeverhalten der betroffenen Frau) aus. Als Folge der Gewalterlebnisse/Traumatisierungen können sich die Körperwahrnehmung, die Wahrnehmung von Körpersignalen (Schmerzen, Wehen, fehlende Kindsbewegungen), das Selbstbild und das Selbstbewusstsein der betroffenen Frau verändern.

Der Vertrauensbruch in der Paarbeziehung kann sich in Misstrauen gegenüber anderen Menschen, insbesondere auch gegenüber Fachpersonen, äussern.

Während der Schwangerschaft nehmen Frauen vermehrt medizinische und
psychosoziale Unterstützungsangebote in Anspruch. Dies bietet die Chance – gerade auch für die Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität mit ihrem niederschwelligen, psychosozialen Beratungsangebot – frühzeitig zu erkennen, ob eine Frau von Partnerschaftsgewalt betroffen ist und sie darin zu unterstützen, spezifische Angebote (Opferhilfe, Frauenhaus) in Anspruch zu nehmen.

Marlys Spreyermann, Fachberaterin Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität, Regionalstelle Rapperswil-Jona

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